Offener Brief an die Akteure der Umweltschutzbewegung von Deep Green Resistance Deutschland

Deep Green Resistance (DGR) ist eine internationale umweltpolitische und sozialrechtliche Organisation, basierend auf dem Buch Deep Green Resistance: Strategy to Save the Planet.[1]
Die Analyse von DGR identifiziert Zivilisation, Patriarchat und Kapitalismus als brutale Arrangements von Macht, welche auseinandergenommen werden müssen, wenn zukünftige Generationen eine Chance auf einen bewohnbaren Planeten haben sollen. DGR propagiert eine gemeinsame, fokussierte und ernsthafte Widerstandsbewegung, um den Mord am unserem Heimatplaneten zu stoppen, bevor es zu spät ist.

Wenn wir Rachel Carson’s Buch „Der stumme Frühling“ (1962) als Anfang der modernen Umweltbewegung nehmen, existiert „Umweltschutz“ seit ungefähr 55 Jahren. Dennoch zeigt jeder biologische Indikator, dass sich die Lage auf der Erde seither nicht verbessert hat, ja nicht mal halbwegs stabil ist, sondern dramatisch im Niedergang. In den letzten 40 Jahren hat die Welt laut dem WWF Living Planet Report [2] über die Hälfte aller Wildtierbestände verloren. Zwischen 150 und 200 Tier- und Pflanzenarten sind alleine heute ausgestorben. In Deutschland befinden sich die Populationen der Singvögel in einem dramatischen Rückgang, und wir steuern nun tatsächlich auf den stummen Frühling zu.[3] Der Planet wird zerstört, und keine Bemühungen um Recycling oder erneuerbare Energien können diese Zerstörung stoppen.

Wie Derrick Jensen in seinem Essay Forget Shorter Showers [4] deutlich macht, wird der Großteil der Ressourcen an Wasser und Energie durch Industrie, Landwirtschaft und Militär verbraucht, nicht durch Individuen. Persönliche Konsumentscheidungen sind lobenswert, machen aber keinen signifikanten Unterschied. Wenn wir uns weiterhin auf marginale persönliche Beiträge fokussieren, anstatt zusammen gegen die große Maschine als Ganzes vorzugehen, gibt es kaum eine Chance auf Erfolg. Es wird organisierten politischen Widerstand benötigen, um die katastrophale Flugbahn zu ändern, auf der wir uns befinden.

DGR propagiert einen neuen Ansatz. Der wesentliche Unterschied zwischen DGR und anderen umwelt- und sozialrechtlichen Organisationen besteht darin, dass wir eine langfristige Strategie haben: Decisive Ecological Warfare (Entscheidende ökologische Kriegsführung), kurz DEW.[5]

DEW hat zwei Hauptziele:
Das erste Ziel ist, die Machtsysteme zu durchbrechen und auseinanderzunehmen. Mit anderen Worten wollen wir den Reichen und Mächtigen ihre Fähigkeit nehmen, die marginalisierten auszubeuten und den Planeten zu zerstören.
Das zweite Ziel ist, gerechte, nachhaltige und autonome menschliche Gemeinschaften zu verteidigen und wieder aufzubauen und die Wiederherstellung gesunder, lebendiger Landbasen (d.h. Ökosysteme bzw. natürliche Gemeinschaften) zu ermöglichen und zu fördern.

Die Begriffe „Warfare“ bzw. „Kriegsführung“ mögen für viele sehr militant und abschreckend klingen. Doch machen wir uns nichts vor. Als Erwachsene Menschen, die den Planeten Erde in unserer Zeit bevölkern, sollten wir in der Lage sein, den Tatsachen ins Auge zu schauen. Unsere Kultur -die westliche, industrielle Zivilisation- basiert auf Hierarchie und Gewalt. Sie führt einen schrecklichen, grausamen Krieg gegen alles Leben auf diesem Planeten, und es ist schon lange an der Zeit, dass wir uns darüber klar werden und anfangen, uns zu wehren.

Derrick Jensen verwendet in Bezug auf den Mainstream-Umweltschutz das Bild eines Patienten, der voller blutender Wunden in eine Ambulanz gebracht und von zahlreichen Ärzten, Pflegern und Schwestern umsorgt wird. Sie tun alles in ihrer Macht stehende, um den Patienten vor dem Tod zu bewahren, nur eines nicht: Sie stoppen nicht den wahnsinnigen, der nach wie vor daneben steht, auf den Patienten einsticht und ihm permanent neue Wunden zufügt. Sie ignorieren ihn und handeln, als wäre er nicht da. Und hier ist wiederrum der Unterschied zwischen Mainstream-Umweltschutzbewegungen und DGR: Wir wollen den Mörder stoppen.

Unsere Kultur belohnt derzeit ein rücksichtsloses Verhalten einzelner Individuen auf Kosten der Allgemeinheit. Man nennt dies (Neo)Liberalismus. Habgieriges, ja geisteskrankes Verhalten, welches die Landbasis ihrer lebendigen Systeme beraubt, macht einzelne Individuen reich, und dies ist das Verhalten welches wir von unseren Machthabern sehen. Es wird weitergehen, solange damit Geld zu machen ist. In anderen Worten, die Zerstörung wird weitergehen, bis es keine lebendigen Systeme mehr zu zerstören gibt. Eine Reihe von angesehenen Wissenschaftlern kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen.[6]

Strategien, die keine Versuche unternehmen, diese Kultur zu zerstören, oder welche einen möglichen Widerstand auf eine ferne Zukunft verschieben, sind in Besorgnis erregender Weise fehlgeleitet. Das derzeitige System ist geprägt von Arroganz, Sadismus, Dummheit und der Verleugnung von Tatsachen. Es wird sich nicht von selbst ändern.

Der Hambacher Forst, bekannt als das letzte Stück Urwald in Deutschland, wird derzeit durch Europas größten Kohletagebau und den Profit von RWE zerstört – allen Naturschutzgesetzen zum Trotz. Dies nur als ein Beispiel von vielen für den unersättlichen Hunger dieser Kultur nach Rohstoffen (und letztendlich Profit). Hier hilft nur militanter Widerstand, welcher dankenswerterweise bereits von einigen wenigen mutigen Aktivisten geleistet wird.[7]

Viele Akteure der Umweltbewegung propagieren den Übergang in eine nachhaltige Gesellschaft mit erneuerbaren Energien. Kim erklärt in diesem Artikel,[8] warum dies unrealistisch ist. Wir haben nicht die Zeit. Siehe diesen Report von Jamens Hansen,[9] welcher die globale Erwärmung seit drei Dekaden korrekt voraussagt. Mittlerweile mehren sich auch in Deutschland kritische Stimmen; so legte Fabian Scheidler in seinem 2015 erschienenen Buch „Das Ende der Megamaschine“ eine fundierte Analyse unserer destruktiven Kultur vor, und der bekannte Fernsehphysiker Harald Lesch warnt in verschiedenen Medien eindringlich „die Menschheit schafft sich ab“. [10]
Die simple Wahrheit scheint jedoch, dass die meisten (westlichen) Menschen, allen Warnungen zum Trotz, nicht ihre industrialisierten erste-Welt-Privilegien wie Autofahren, Fernsehen und Flugreisen aufgeben wollen.

DGR möchte die Akteure der Umweltbewegung für einen ernsthaften Dialog über die dramatische Lage gewinnen, in der wir uns befinden, und darüber, was dagegen getan werden muss. Nicht nur darüber, was wir tun können, um uns gut zu fühlen, sondern darüber, was getan werden muss.
Wir begrüßen all jene, die sich ein Ende der Zerstörung wünschen und beginnen, sich als Teil einer Widerstandsbewegung für das Leben auf der Erde zu begreifen, anstatt einer Umweltbewegung, die einfach das beste hofft. Wenn wir eine echte Widerstandbewegung kreieren wollen, müssen wir eine Kultur des Widerstands zum keimen bringen. DGR Deutschland und die gesamte Organisation ist sehr jung. Wir glauben, dass wir eine valide Perspektive, Analyse und Strategie haben, die Beachtung verdient. Natürlich haben wir nicht alle Antworten, und wir brauchen und schätzen Unterstützung von ähnlich gesinnten Menschen und Organisationen, um als Organisation wachsen zu können. DGR hat eine Strategie, die jedoch nur Teil der Lösung sein kann. Wir sehen, dass es viele Wege gibt, sich für den Schutz unseres Planeten einzusetzen, und alle von ihnen sind wichtig um eine politische Auseinandersetzung größerer Tragweite zu schaffen.

Wie Derrick Jensen sagt:
„Wir brauchen alles. Wir brauchen Menschen, die Staudämme niederreißen und wir brauchen Menschen, die elektrische Infrastruktur außer Gefecht setzen. Wir brauchen Menschen, die protestieren und sich an Bäume ketten. Wir brauchen auch Menschen, die daran arbeiten, dass so viele andere wie möglich darauf vorbereitet sind, mit den Auswirkungen eines Kollaps umzugehen. Wir brauchen Menschen, die anderen zeigen können, welche wilden Pflanzen essbar sind, und welche Pflanzen als natürliche Antibiotika wirken. Wir brauchen Menschen, die uns zeigen können, wie man Wasser wiederaufbereitet oder wie man Behausungen baut. All dies kann aussehen wie die Unterstützung traditionellen, lokalen Wissens, es kann aussehen wie das Anlegen von Dachgärten, es kann aussehen wie das Pflanzen von lokalen medizinischen Kräutern, und es kann aussehen wie anderen Menschen das Singen beizubringen.“

Was wir vorschlagen möchten ist, dass Menschen, die sich für Umweltschutz engagieren, beginnen sich mit der Effektivität ihrer Form von Aktivismus auseinandersetzen. Sei es kommunal, politisch oder radikal, wir können und sollten uns die Frage stellen, ob unsere jeweilige Form von Aktivismus in einem Verhältnis steht zu dem Ausmaß der Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Gemeinschaftsgärten und Demonstrationen können Teil einer Widerstandsbewegung sein, jedoch solange sie nicht verknüpft sind mit einer größeren politischen Auseinandersetzung, werden sie kaum etwas bewirken. Ungeachtet unserer Differenzen, sollten wir beginnen, zusammen zu arbeiten.

Der Begriff „Horizontale Feindseligkeit“ wurde 1970 von Florynce Kennedy geprägt, um den immensen Schaden zu beschreiben, den unterdrückte Gruppen sich zufügen, wenn sie sich untereinander bekämpen, anstatt gemeinsam gegen die mächtigen vorzugehen. Horizontale Feindseligkeit gehört zu den schlimmsten Feinden eines erfolgreichen systemischen Wandels.
Auch wenn Du nicht mit allen Positionen, die DGR vertritt einverstanden bist, möchten wir Dich bitten, uns nicht völlig abzulehnen, einfach weil wir für eine radikalere Strategie eintreten um unseren Planeten zu erhalten. Letztendlich teilen wir alle ein gemeinsames Ziel: eine gesunde, gerechte Welt für kommende Generationen aller lebendigen Wesen.

DGR ist aus diesem Grund auch eine radikal feministische Organisation. Wir glauben, dass das Patriarchat eine korruptes und brutales Arrangement von Macht darstellt, welches wir auseinandernehmen wollen, zusammen mit einem Kult von Männlichkeit, der danach trachtet, Frauen auf die selbe Art zu dominieren wie er die natürliche Welt und ihre Ressourcen dominiert. Unsere feministische Haltung hat in den vereinigten Staaten bereits für große Kontroversen gesorgt.

Wir verstehen, dass unsere Strategie nicht für jeden Menschen die richtige ist. Aber wir glauben, dass jede Option auf den Tisch sollte, damit jede Person sich entscheiden kann, welche sie unterstützen möchte, jedoch ohne notwendigerweise die anderen Optionen abzulehnen. Um es klarzustellen – DGR unterstützt oder billigt keine Gewalt gegen menschliche oder nicht-menschliche Lebewesen. Was wir jedoch ebenso klarstellen möchten – wenn keine drastischeren Maßnahmen ergriffen werden, wird unsere Welt nicht nur ein wenig wärmer werden. Sie wird sehr wahrscheinlich in großen Teilen unbewohnbar werden.

Wir möchten Euch einladen, Euch mit DGR und unserer Strategie zu beschäftigen, mit Freunden und Bekannten zu diskutieren und Euch eine eigene Meinung zu bilden. Die Strategie von DGR ist sehr breit, es gibt eine Menge Details, über die man sich informieren kann und wir begrüßen jegliches Feedback von möglichen Alliierten und Unterstützern.

Wie Ben Barker in seinem open letter to liberals erklärt: „Jede Bewegung für gesellschaftlichen Wandel hat verstanden, dass wir, wenn unser Rechssystem korrupt ist, uns wieder den universalen Gesetzen zuwenden müssen: den Menschenrechten, dem lebendigen Land, der Gerechtigkeit. Diese Bewegungen werden immer als radikal erachtet – weil sie es sind. Hoffnungen und Gebete alleine werden nicht die Welt verändern. Wir werden darum kämpfen müssen.“[11]

[1] Derrick Jensen, Lierre Keith, Aric McBay (2011): Deep Green Resistance: Strategy to Save the Planet
[2] WWF. 2016. Living Planet Report 2016. Risk and resilience in a new era.
[3] http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/hobbyornithologen-und-der-nabu-zaehlen-wintervoegel-14610269.html
[4] http://www.orionmagazine.org/index.php/articles/article/4801/
[5] http://deepgreenresistance.org/de/deep-green-resistance-strategy/decisive-ecological-warfare
[6] http://www.newstatesman.com/2013/10/science-says-revolt
[7] http://hambacherforst.blogsport.de/
[8] http://storiesofcreativeecology.wordpress.com/2012/08/28/sustainability-is-destroying-the-earth/
[9] http://thinkprogress.org/climate/2013/09/17/1892241/hansen-climate-sensitivity-uninhabitable/
[10] http://www.komplett-media.de/de_die-menschheit-schafft-sich-ab-die-erde-im-griff-des-anthropozaen_112637.html

[11] https://dgrnewsservice.org/resistance-culture/movement-building/beautiful-justice-an-open-letter-to-liberals/

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