Vernichtung durch Arbeit

Es klingt hart, aber ich komme nicht umhin, hier einige Parallelen zu ziehen. November 2016 bis April 2017. Sechs Monate. So lange hat es gedauert, bis das Arbeitsamt mich dermaßen fertig gemacht hat, dass ich einen Schlaganfall bekam. Ich führe das schon ziemlich darauf zurück, weil dieses Stress-Gefühl, diese Angstattacken, Herzrasen, nicht schlafen können, das ist direkt mit dem Arbeitsamt verknüpft. Bei jedem Termin hatte ich diesen Stress und habe ihn immer noch. Ich kann da nicht mehr hingehen. Es ist mir nicht möglich. Ich werde da nicht mehr hingehen.

Einige Paralellen, die mir eingefallen sind, weil mir in den letzten Monaten, zufällig oder nicht, diese Nazi-Vergangenheit begegnet ist, mit den Spiegel-Artikeln die ich gelesen und den Dokus, die ich während meiner zweimonatigen Reha gesehen habe. Vernichtung durch Arbeit“ ist einer dieser Begriffe, und „Arbeit macht frei“, dieser Spruch der vor den Konzentrationslagern stand und heute als zynisch interpretiert wird. Auch wenn Nazi-Vergleiche als problematisch angesehen werden, frage ich mich, wie viele Spuren dieser Vergangenheit wir noch haben, die wir nicht sehen, oder die zu wenige von uns sehen?

Man kann, und man tut es auch, immer noch Menschen durch Arbeit kaputt machen. Ganz massiv. Wir haben Zwangsarbeit. Menschen werden gezwungen, Arbeiten zu machen die sie nicht tun wollen. Wir haben einen neuen Niedriglohnsektor.
Und ich frage mich dann immer: Wo ist die Grenze?
Wo ist der Punkt, an dem wir erkennen müssen: Jetzt ist die Zeit, uns zu wehren, Widerstand zu leisten? Wann kommt dieser Punkt?

Die Jobcenter und die Agentur für Arbeit sind „die größte Sozialbürokratie, die Deutschland je geschaffen hat. Eigentlich dafür gemacht, Menschen in Arbeit zu bringen und ihnen in der Not zu helfen, entstand mit den Hartz IV Reformen eine gigantische Sozialmaschine mit einem Jahresbudget von 42,4 Milliarden Euro. Damit ist sie 36% teurer als das vorherige System.

Allein die Verwaltung kostet fast 5 Milliarden Euro. 140.000 Mitarbeiter gibt es, das sind weit mehr als Siemens in Deutschland beschäftigt. Sie prüfen die Bedürftigkeit, durchleuchten das Privatleben der Menschen, die hier Kunden genannt werden. Anträge auf Radiowecker, Fernseher und sogar Winterreifen werden gestellt und bearbeitet. Wohngeld und Heizkosten berechnet und abgerechnet.

Diese Maschine verwaltet heute das Schicksal von 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, und damit ist sie praktisch ausgelastet. Ihre eigentliche Aufgabe, das Vermitteln von Arbeit, spielt daher nur eine Nebenrolle. Nur 12,5% der Arbeitslosen und Hilfebedürftigen schaffen es dauerhaft, aus ihrer Lage wieder herauszukommen. Arbeitsvermittlung also mangelhaft. Doch auch die Verteilungsanstrengungen der Maschine bewirken nicht viel. Die Armutsquote sinkt nämlich keineswegs. Zwischen 2005 und 2014 ist sie sogar leicht gestiegen. Einige Kunden sind von dieser Maschine so frustriert, dass sie mit hilfloser Wut regieren. 2015 wurden allein in Sachsen-Anhalt 111 Angriffe auf Jobcenter gezählt. Darunter Sachbeschädigung, Körperverletzungen und sogar Bombendrohungen. Die Menschen sind deprimiert und fühlen sich gedemütigt. Die Abhängigkeit von der Sozialbürokratie, vom „Amt“, ist längst ein Massenphänomen.“

Untersuchungen von Prof. Clemens Kirschbaum, TU Dresden, zeigen bei Hartz IV Empfängern ein um vielfaches erhöhtes Level des Stresshormons Cortisol. ¹
Chronischer Stress macht bekanntlich krank. Chronischer Stress kann töten.

Für mich ist der Zeitpunkt für Widerstand spätestens dann gekommen, wenn eine Behörde, oder der Umgang dieser Behörde mit mir, zu soviel Stress führt, dass ich eine lebensbedrohliche Erkrankung habe. Dann ist das für mich nicht mehr machbar.
Sie haben mich kaputt gemacht.
Und ich muss jetzt sehr, sehr gut auf mich aufpassen, auf meine Gesundheit aufpassen, um nicht völlig kaputt zu gehen. Dieses Stressniveau, dass ich gestern bei dem Termin im Arbeitsamt hatte, hat sich sehr nach Schlaganfall angefühlt.

Und was kann ich jetzt tun? Ich stehe irgendwie ganz alleine da. Arbeitslose haben keine Lobby, Arbeitslose sind wie exkommunizierte einer Religion des schwer zu tragenden, aber hoch geheiligten Kreuzes der Erwerbsarbeit.

Wenige erkennen dies und ich kann mit niemandem darüber sprechen. Wer kann mir helfen? Die Ärzte werden mir im Moment, eine Zeit lang zumindest helfen, weil ich ein Schlaganfall-Patient bin und die nehmen ihre Aufgabe wohl doch sehr ernst, Menschen vor Schaden zu schützen. Aber in den Konzentrationslagern gab es auch Ärzte, die den Inhaftierten geholfen haben, heimlich vielleicht, aber trotzdem das gesamte System nicht in Frage gestellt haben. Das System der Konzentrationslager, ihre Existenz.

Ebenso werde ich schwerlich jemanden finden der die Existenz der Agentur für Arbeit in Frage stellen wird, oder mir helfen kann mich zu wehren, beispielsweise die Arge zu verklagen wegen Körperverletzung.

1. Quelle: Filmdoku MDR (2016): Exakt – So leben wir! – Arm gegen Reich

https://www.youtube.com/watch?v=vEWDDaqLCKc

tecumseh@posteo.de

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