Prämissen [Grundannahmen]

PRÄMISSEN VON ENDGAME
(Derrick Jensen, 2006)

Prämisse Eins:
Zivilisation ist nicht nachhaltig und kann es niemals sein. Dies gilt insbesondere für Industrielle Zivilisation.

Prämisse Zwei:
Traditionelle Gesellschaften geben nicht oft freiwillig die Ressourcen, auf denen ihre Gesellschaften basieren auf oder verkaufen sie, bis ihre Gesellschaften zerstört worden sind. Sie erlauben auch nicht willentlich dass ihre Landbasis geschädigt wird, damit andere Ressourcen – Gold, Öl und so weiter – extrahiert werden können. Demzufolge werden diejenigen, die die Ressourcen wollen, alles tun was sie können um traditionelle Gesellschaften zu zerstören.

Prämisse Drei:
Unsere Art zu leben – Industrielle Zivilisation – basiert auf, benötigt, und würde sehr schnell kollabieren ohne ständige und weit verbreitete Gewalt.

Prämisse Vier:
Zivilisation basiert auf einer klar definierten und weithin akzeptierten, jedoch oft unausgesprochenen Hierarchie. Gewalt, die von denjenigen, die in der Hierarchie höher stehen, an denen die niedriger stehen verübt wird, ist fast immer unsichtbar, das heißt unbemerkt. Wenn sie bemerkt wird, wird sie vollkommen rationalisiert. Gewalt, ausgeübt von denen, die niedriger stehen an denjenigen, die höher stehen ist undenkbar und wird, falls sie vorkommt, mit Schock, Horror und der Fetischisierung der Opfer betrachtet.

Prämisse Fünf:
Der Besitz derjenigen, die in der Hierarchie höher stehen ist wertvoller als das Leben derjenigen darunter. Es ist akzeptabel für die Oberen, die Menge an Eigentum, dass sie kontrollieren zu steigern – in Alltagssprache, Geld zu machen – indem sie die Leben der Unteren zerstören oder ihnen ihr Leben nehmen. Dies nennt man Produktion. Falls diejenigen am unteren Ende den Besitz der Oberen beschädigen, werden die Oberen sie umbringen oder auf andere Art das Leben der Unteren zerstören. Dies nennt man Gerechtigkeit.

Prämisse Sechs:
Zivilisation ist nicht umkehrbar. Diese Kultur wird nicht irgendeine Art von freiwilliger Transformation hin zu einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil durchmachen. Wenn wir sie nicht aufhalten, wird die Zivilisation weiter fortfahren, die große Mehrheit der Menschen zu verelenden und den Planeten zu erodieren bis sie (die Zivilisation, und wahrscheinlich der Planet) kollabiert. Der Effekt dieser Degradierung wird Menschen und Nichtmenschen für eine sehr lange Zeit beeinträchtigen.

Prämisse Sieben:
Je länger wir darauf warten, dass die Zivilisation zusammenbricht – oder je länger wir warten, bevor wir sie selbst zu Fall bringen – um so unordentlicher wird der Zusammenbruch, und die schlimmsten Dinge werden sein für diejenigen Menschen und Nichtmenschen, die ihn erleben und jene die nach ihnen kommen.

Prämisse Acht:
Die Bedürfnisse der natürlichen Welt sind wichtiger als die Bedürfnisse des Wirtschaftssystems.
Eine andere Art, Prämisse Acht auszudrücken: Jedes ökonomische oder soziale System, das nicht den natürlichen Lebensgemeinschaften zugute kommt auf denen es basiert, ist unnachhaltig, unmoralisch und dumm. Nachhaltigkeit, Moral und Intelligenz (ebenso wie Gerechtigkeit) erfordern die Demontage eines jeden solchen ökonomischen oder sozialen Systems, oder zumindest es ihm zu verweigern, unsere Landbasis zu schädigen.

Prämisse Neun:
Obgleich es sicherlich eines Tages weniger Menschen geben wird als heute, gibt es viele Möglichkeiten, wie diese Reduktion der Population vor sich gehen könnte (oder erreicht wird, abhängig davon, wie aktiv oder passiv wir diese Transformation angehen wollen). Einige dieser Wege wären charakterisiert durch extreme Gewalt und Entbehrung: Ein nukleares Armageddon zum Beispiel würde sowohl Bevölkerung als auch Konsum reduzieren, jedoch auf eine grauenhafte Art; dasselbe würde gelten für ein Andauern der Übernutzung, gefolgt von einem Zusammenbruch. Andere Wege könnten charakterisiert sein durch weniger Gewalt. Das derzeitige Level an Gewalt durch diese Kultur, sowohl gegen Menschen als auch die natürliche Welt vorausgesetzt, ist es jedoch unmöglich von Reduktionen an Population und Konsum zu sprechen, die nicht Gewalt und Entbehrung beinhalten, nicht weil die Reduzierungen notwendigerweise Gewalt involvieren, sondern weil Gewalt und Entbehrung der Normalzustand geworden sind.
Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, Bevölkerung und Konsum zu reduzieren. Sie wären zwar immer noch gewaltsam, bestünden aber gerade darin, das derzeitige Ausmaß der Gewalt – deren Ursache und Notwendigkeit in der (oft erzwungenen) Umverteilung von Arm zu Reich liegt – und damit natürlich auch die derzeitige Gewalt gegen die Natur verringern. Einzeln und kollektiv können wir es vielleicht schaffen, Ausmaß und Charakter der Gewalt, die während diesem möglicherweise langfristigen Übergang auftreten wird, abzumildern. Vielleicht aber auch nicht. Doch soviel ist sicher: Wenn wir es nicht aktiv tun – wenn wir nicht über unsere missliche Lage sprechen und darüber, was wir dagegen tun können – wird die Gewalt nahezu unzweifelhaft weitaus heftiger sein, die Entbehrung extremer.

Prämisse Zehn:
Die Kultur als Ganzes und die meisten ihrer Vertreter sind wahnsinnig. Die Kultur ist besessen von einem Todesdrang, einem Drang, Leben zu zerstören.

Prämisse Elf:
Von Anfang an war diese Kultur – Zivilisation – eine Kultur der Besatzung.

Prämisse Zwölf:
Es gibt keine reichen Menschen auf der Welt und keine armen Menschen. Es gibt einfach nur Menschen. Die Reichen haben vielleicht viele Stückchen buntes Papier, von denen viele annehmen, es sei etwas wert – oder deren angenommene Reichtümer mögen sogar noch abstrakter sein: Nummern auf Festplatten bei Banken – und die Armen mögen dies vielleicht nicht haben. Diese „Reichen“ behaupten, Land zu besitzen, und den „Armen“ wird dieselbe Behauptung oft verweigert. Eine Hauptaufgabe der Polizei ist es, die Wahnvorstellungen derjenigen mit den vielen Stückchen bunten Papiers durchzusetzen. Diejenigen ohne buntes Papier nehmen den Glauben an diese Wahnvorstellungen fast genauso schnell und vollständig an wie diejenigen mit. Diese Wahnvorstellungen bringen extreme Konsequenzen für die reale Welt mit sich.

Prämisse Dreizehn:
Die Machthaber regieren durch Zwang, und je eher wir uns von der Illusion befreien, dies sei nicht der Fall, desto eher können wir zumindest beginnen, vernünftige Entscheidungen darüber zu treffen, ob, wann und wie wir Widerstand leisten.

Prämisse Vierzehn:
Von Geburt an – und vielleicht schon von Empfängnis, aber ich bin nicht sicher, wie ich diese Unterscheidung begründen sollte – sind wir individuell und und kollektiv enkulturalisiert, das Leben zu hassen, die natürlich Welt zu hassen, das Wilde zu hassen, wilde Tiere zu hassen, Frauen zu hassen, Kinder zu hassen, unsere Körper zu hassen, unsere Gefühle zu fürchten und zu hassen, uns selbst zu hassen. Wenn wir die Welt nicht hassen würden, könnten wir nicht erlauben, dass sie vor unseren Augen zerstört wird. Wenn wir uns selbst nicht hassen würden, könnten wir nicht erlauben, dass unsere Heimstätten – und unsere Körper – vergiftet werden.

Prämisse Fünfzehn:
Liebe impliziert nicht Pazifismus.

Prämisse Sechzehn:
Die materielle Welt ist das Wichtigste. Dies bedeutet nicht, dass der Geist nicht existiert, noch das die materielle Welt alles ist, was es gibt. Es bedeutet, dass sich der Geist mit dem Fleisch verbindet. Es bedeutet auch, dass das, was wir in der realen Welt tun, auch Konsequenzen für die reale Welt hat. Es bedeutet, dass wir uns nicht auf Jesus, den Nikolaus, die große Mutter oder den Osterhasen verlassen können, um uns aus diesem Schlamassel heraus-zuholen. Es bedeutet, dass dieses Schlamassel wirklich ein Schlamassel ist und nicht eine Bewegung der Augenbraue Gottes. Es bedeutet, dass wir uns der Lage stellen müssen. Es bedeutet, dass wir für die Zeit, die wir auf dieser Erde verbringen – gleichgültig, ob wir irgendwo anders landen, nachdem wir sterben, gleich, und ob wir dazu verdammt oder dazu privilegiert sind, hier zu leben – die Erde ist alles. Sie ist die Hauptsache. Sie ist unsere Heimat. Sie ist alles. Es ist dumm zu glauben oder zu handeln, als wäre diese Welt nicht real oder wichtig. Es ist dumm und verrückt, unsere Leben zu leben, als würden sie nicht in der realen Welt stattfinden.

Prämisse Siebzehn:
Es ist ein Fehler (oder wahrscheinlicher, eine Verleugnung), unsere Entscheidungen davon abhängig zu machen, ob die daraus erwachsenden Handlungen die Masse der Amerikaner bzw. diejenigen Menschen, die sich aus allem heraushalten wollen, in Angst versetzen oder nicht.

Prämisse Achtzehn:
Unser derzeitiges Selbstverständnis ist ebenso wenig nachhaltig wie unsere derzeitige Nutzung von Energie oder Technologie.

Prämisse Neunzehn:
Das Problem dieser Kultur liegt zu allererst in dem Glauben, dass es gerechtfertigt ist, die natürliche Welt zu kontrollieren und zu missbrauchen.

Prämisse Zwanzig:
Innerhalb dieser Kultur werden gesellschaftliche Entscheidungen nicht durch das Wohlergehen der Gemeinschaft, nicht durch Moral, Ethik, Gerechtigkeit, nicht durch das Leben selbst bestimmt, sondern durch die Wirtschaft.

Modifikation von Prämisse Zwanzig:
Gesellschaftliche Entscheidungen werden überwiegend, und oft einzig und allein, auf der Grundlage getroffen, ob diese Entscheidungen die monetären Vermögen der Entscheidungsträger und ihrer Herren vergrößern.

Re-Modifikation von Prämisse Zwanzig:
Gesellschaftliche Entscheidungen werden überwiegend, und oft einzig und allein, auf der Grundlage getroffen, ob diese Entscheidungen die Macht der Entscheidungsträger und ihrer Herren vergrößern.

Re-Modifikation von Prämisse Zwanzig:
Gesellschaftliche Entscheidungen basieren überwiegend, und oft einzig und allein, auf dem unhinterfragbaren Glauben, dass Entscheidungsträger und diejenigen, denen sie dienen, berechtigt sind, ihre Macht und/oder ihre Vermögen auf Kosten der Unteren zu vergrößern.

Re-Modifikation von Prämisse Zwanzig:
Dringt man bis zum Herz der Sache vor – falls es da noch ein Herz gibt – stellt man fest, dass soziale Entscheidungen hauptsächlich dadurch bestimmt sind, wie gut sie sich eignen, die freie Natur zu kontrollieren oder zu zerstören.