Zivilisation als Problem

Auszug aus Kapitel 1 des Buchs Deep Green Resistance: Strategie zur Rettung des Planeten
Eine längere Version gibt es hier als PDF oder auf Common Dreams‘ Deep Green Resistance: Strategy to Save the Planet.

Eine Trauerseeschwalbe wiegt kaum mehr als 50 Gramm. Ihre Energiereserven entsprechen weniger als einer kleinen Tüte M&Ms und ihre Flügelspannweite beträgt 30cm, aber sie fliegt tausende von Meilen um nach Feuchtgebieten zu suchen, in denen sie ihre Jungen aufziehen kann. Jedes Jahr wird ihre Reise weiter, da die Feuchtgebiete für menschlichen Nutzen trockengelegt werden. Jedes Jahr verliert die Trauerseeschwalbe, verzweifelt und hungrig, während die Zivilisation, endlos und blutig, gewinnt.

Eine Eisbärin sollte knapp 300kg wiegen. Ihre Energiereserven müssen sie über neun Monate der Schwangerschaft im dunklen Bau hinweg versorgen; und dann über die Zeit des Säugens hinweg, wenn sie ihren schwindenden Proviant an die hungrigen Münder der Zukunft ihrer Spezies weitergibt. Aber in einigen Gegenden wiegt das Weibchen bereits nur noch 230kg vor der Winterruhe.[1] Gleichzeitig ist das Eis wie die Feuchtgebiete verschwunden. Wenn sie erwacht, wird sich das Wasser ungangbar weit erstrecken, und kein abrahamitischer Gott wird es für sie teilen.

Die Aldabra-Schnecke sollte etwas wiegen, aber alles, was von ihr übrig ist, sind Skelette, kleine Stücke von orangenen und indigoblauen Gehäusen. Die Schnecke wurde nicht nur für ausgestorben erklärt[10], sondern auch zum ersten Opfer der Klimaerwärmung. In trockenen Perioden hielt die Schnecke Winterschlaf. Die Jungtiere einer jeden Spezies sind verletzlicher, da sie keine Reserven haben, auf die sie zurückfallen können. In diesem Fall waren die Fortpflanzungsbemühungen ein „kompletter Fehlschlag“[2] In einfachen Worten, der Nachwuchs starb und starb immer weiter und eine Millionen Jahre alte Spezies ist jetzt nur noch ein Haufen Gehäusefragmente.

Ausgestorbene Spezies seit 1800

Wie viel Trauer, Wut, Verzweiflung kannst du persönlich aushalten? Wir leben in einer Zeit des massenhaften Aussterbens. Im Moment sind es 200 Spezies am Tag.[3]  Das macht 73.000 pro Jahr. Diese Kultur beachtet ihren Tod nicht, sie fühlt sich berechtigt, jede Letzte ihrer Nischen einzunehmen, es gibt schließlich keinen Zählappell in den Abendnachrichten.

Es gibt einen Namen für diese Flutwelle der Ausrottung: Das Massenaussterben des Holozäns. Diesmal gibt es keinen Asteroiden, nur menschliches Verhalten. Verhalten, mit dem wir aufhören könnten. Adolf Eichmanns Ausrede war, dass niemand ihm gesagt hatte, dass die Konzentrationslager moralisch falsch waren. Wir alle haben die Bilder von den ertrinkenden Eisbären gesehen. Sind wir ethisch so taub, dass uns gesagt werden muss, dass das falsch ist?

Einige erheben ihre Stimmen voller Sorge, sogar Schmerz, und sprechen von der Notlage der Erde, der Art, wie ihre Spezies zerrissen werden. „Nur ein Ende der Emissionen kann einen wärmeren Planeten verhindern,“ verkündet ein KlimatologInnen-Paar.[4] James Lovelock, der die Gaia-Hypothese formuliert hat, sagt unverblümt, dass die Klimaerwärmung ihren Kipppunkt bereits hinter sich gelassen habe, dass Emissionshandel ein Witz sei und „individuelle Anpassungen des Lebensstils“ ein „verblendetes Hirngespinst“[5] Das alles ist wahr und offensichtlich. „Einfaches Leben“ sollte mit einer einfachen Beobachtung beginnen: wenn das Verbrennen von fossilen Energieträgern den Planeten töten wird, dann hör auf, sie zu verbrennen.

Aber dieser Schluss, in all seiner scharf umrissenen Klarheit, ist unbeliebt. Wann immer politische EntscheidungsträgerInnen und Naturschutzgruppen anfangen, Lösungen vorzuschlagen, ist das der exakte Moment, in dem sie aufhören, die Wahrheit – unbequem oder nicht – zu sagen.
Such mit Google nach „Lösungen Klimaerwärmung.“ Die erste Sponsoreneinblendung [im Jahr 2010], Campaign Earth, fordert „keine Schwarzmalerei!! Wann war das letzte Mal, dass Depressionen dich wirklich motiviert haben? Wir sind hier, um realistische Handlungsschritte und Erfolgsgeschichten anzuregen.“ Mit „realistisch“ meinen sie nicht Lösungen, die zu dem Ausmaß des Problems passen. Sie meinen die üblichen Entscheidungen, die wir als KonsumentInnen treffen sollen – Einkaufstüten aus Stoff, Trinkbecher für unterwegs, schlecht überlegte Nahrungsumstellungen – alles Dinge, die exakt nichts dazu beitragen werden, die Troika aus Industrialisierung, Kapitalismus und Patriarchat aufzuhalten, die den Planeten bei lebendigem Leibe häutet. Wie Derrick anderswo gesagt hat, wenn jede/r AmerikanerIn alles tun würde, was Al Gore vorschlägt, würde das die Treibhausgas-Emissionen des Landes nur um 21% reduzieren.[6] Und sogar wenn jede/r AmerikanerIn durch einfaches Leben und strenges Recycling die Dreivierteltonne Müll, die er/sie sonst produzieren würde, einsparen würde, wären da immer noch die 25 Tonnen pro Kopf an Industrieabfall. Das ist 33 mal so viel wie du einsparst wenn du all deinen persönlichen Müll recycelst.[7]

Der Industrialismus selbst muss gestoppt werden. Es gibt keine nettere, grünere Version davon, die uns einen lebenden Planeten lassen wird. Industrialisierung ist, um es ohne Beschönigung zu sagen, der Prozess, ganze Gemeinschaften lebender Wesen zu nehmen und in tote Zonen und Konsumgüter zu verwandeln. Könnte das „effizienter“ gemacht werden? Sicher, wir könnten weniger fossile Energieträger benutzen, aber Land, Wasser und Himmel würden nicht weniger verwüstet. Wir könnten dieses Endspiel um noch zwanzig weitere Jahre verlängern, aber der Planet stirbt trotzdem. Verfolge ein beliebiges industrielles Artefakt zu seiner Quelle zurück – was nicht schwer ist, da sie alle blutige Spuren hinterlassen – und du findest stets den gleichen Pfad der Verwüstung: Bergbau, Kahlschläge, Dämme, Landwirtschaft. Und jetzt auch noch Teersande, Gipfelabsprengungen, Windparks (die vielleicht besser Tote-Vögel-und-Fledermäuse-Parks genannt werden sollten). Erneuerbare Energie wird niemals die Fossile aufwiegen oder die Tatsachen der Ressourcenextraktion ändern, und beide sind Grundvoraussetzungen für diesen Lebensstil. Weder fossile Energie noch geförderte Ressourcen werden jemals umweltverträglich sein; der Definition nach sind sie irgendwann aufgebraucht. Eine Stofftasche zum Einkaufen mitzunehmen wird die Teersande nicht aufhalten, nicht mal wenn du deine Klimaerwärmungs-Flip-Flops trägst. Aber da diese Aktionen auch niemandens Leben stören werden, werden sie als realistisch und erfolgreich bezeichnet.

Die „Werde Aktiv“-Seite des nächsten Treffers der Suchmaschine empfiehlt das Übliche: Glühbirnen kaufen, Reifen aufblasen, Geschirrspülmaschinen füllen, kürzere Duschen, die Liegestühle auf der Titanic neu anordnen. Und dann sind da noch die ewig unverzichtbaren Klimaerwärmungs-Armbänder und, noch wichtiger, -Flip-Flops.
Eisbären überall weinen vor Erleichterung.

Die erste nicht-kommerzielle Seite ist [im Jahr 2010] die Union of Concerned Scientists [Union der besorgten WissenschaftlerInnen]. Wie man erwarten könnte, gibt es hier keine Ausrufezeichen, sondern stattdessen die Feststellung, dass „das Verbrennen von fossilen Energieträgern (Öl, Kohle und Erdgas) allein für 75% der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich ist.“ Danach folgt eine Liste von Fünf Sinnvollen Schritten. Schritt eins? Nein, nicht keine fossilen Energieträger mehr zu verbrennen. „Bessere Autos und Geländewagen bauen.“
Egal, dass das Auto selber die Verschmutzung ist und seine Bedürfnisse – Platz, Geschwindigkeit, Treibstoff – im kompletten Widerspruch zu den Bedürfnissen einer lebensfähigen menschlichen Gemeinschaft und eines lebenden Planeten stehen. Wie alle anderen auch weigern sich die WissenschaftlerInnen, die industrielle Zivilisation zu hinterfragen. Wir können doch einen lebendigen Planeten und gleichzeitig auch den Konsum, der ihn tötet, haben, oder?

Das Prinzip hier ist sehr einfach. Wie Derrick geschrieben hat, „Jedes soziale System, das auf nicht erneuerbaren Ressourcen aufbaut, ist per Definition nicht nachhaltig.“[8] Nur um das klarzustellen, „nicht erneuerbar“ heißt, dass sie irgendwann alle sind. Sobald man diese intellektuell komplexe Tatsache begriffen hat, kann man zur nächsten Stufe vordringen. „Jede Kultur, die auf der nicht erneuerbaren Verwendung von erneuerbaren Ressourcen aufbaut, ist ebenso wenig nachhaltig.“ Bäume sind erneuerbar. Aber wenn wir sie schneller verbrauchen als sie wachsen, wird der Wald zu einer Wüste werden. Was genau das ist, was die Zivilisation in ihrem 10.000 Jahre währenden Feldzug getan hat, in dem sie Land, Flüsse und Wälder durchgebracht hat, ebenso wie Metall, Kohle und Öl. Jetzt sind die Meere fast tot und ihre Plaktonbestände brechen zusammen, Bestände, die das Leben der Meere füttern und Sauerstoff für den Planeten erzeugen. Was wird unsere Lungen füllen, wenn sie verschwunden sind? Das Plastik, mit dem die industrielle Zivilisation sie ersetzt? In Teilen des Pazifik überwiegt Plastik Plankton 48 zu 1.[9] Stell dir vor, es wäre dein Blut, dein Herz, das mit giftigen Materialien vollgestopft wird – nicht nur Chemikalien, sondern eine klebrige Masse davon – bis zehn mal mehr davon da ist als von dir. Welche Metapher ist angebracht für das sterbende Plankton? Krebs? Ersticken? Eine Kreuzigung?

Aber die Meere brauchen unsere Metaphern nicht. Sie brauchen Taten. Sie brauchen, dass die industrielle Zivilisation aufhört, zu zerstören und zu verschlingen.
Anders gesagt, sie brauchen uns, um die Zerstörung aufzuhalten.
Was der Grund ist, warum wir uns organisieren, um Widerstand zu leisten.

Fußnoten

[1] Mongabay.com, „Two·thirds of polar bears at risk“

[2] Butler, „Climate Change.“

[3] Wilson, The Future of Life, p. 74. Siehe auch Olson, „Species Extinction Rate.“

[4] Ravilious, „Only Zero Emissions.“

[5] Aitkenhead, „Enjoy Life.“

[6] Jensen and McMillan, As the World Burns, p. 15.

[7] Aktualisierte Version von Aric McBays Analyse in What We Leave Behind, p. 290, basierend auf EPA-Schätzungen bezüglich städtischem Abfall aus dem Jahr 2010 und älteren EPA-Schätzungen bezüglich industriellem Abfall.

[8] Jensen, Endgame, p. 36.

[9] Leber, „Trash Course,“ p. 21.

[10] Ein bisschen gute Neuigkeiten: 2014 wurden sieben lebende Individuen gefunden. Die Albadra-Schnecke hat große Probleme, ist aber noch nicht ausgestorben.